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Gettysburg 2013

Die Erinnerungen eines Corporals, mit den Liberty Rifles in Gettysburg zum 150sten Erinnern an die Schlacht von Gettysburg, geschrieben an den Abenden der drei Tage und versehen mit Anmerkungen und Karten.

Tag 2, Freitag, 28. Juni 2013 (01. Juli 1863)
Nach einem gemütlichen ersten Tag beginnt der zweite mit dem Formieren der Kompanie. Nach einem kurzen Drill, bestehend aus "Right-" und "Left Face!" ging es auf einen Marsch, nachdem wir eine gefühlte Stunde lang die konföderierten an uns vorbei marschieren ließen, mit Pferden, Kapellen und Wagen.



Im Tal auf der Wiese (McPhersons Ridge), nach dem Vorbeidefilieren an jubelnden Zivilisten im Zivillager (Gettysburg), ging es in den ersten Kampf. Die Rebs trieben uns schnell zurück und nach etwa einer dreiviertel Stunde marschierte die Kompanie ab. Ein paar Kameraden und ich hatten eine Ausfalldarstellung gemacht und straggelten durch die sengende Hitze zurück ins Lager, wo uns Langeweile erwartete, während unten im Tal die Schlacht noch hin und her wogte und der Kanonendonner zu uns drang. Burghard, Alex und ich entschlossen uns, unseren Sold in Tintype-Dagerotypien und Limonade zu investieren und meldeten uns ab um in die Suttlers Row zu gehen. Auf dem Rückweg erwischte und ein heftiges Sommergewitter und wir erreichten das Lager durchnäßt, aber rechtzeitig um einen kleinen Wettstreit zwischen Eric (16), einem unserer Bugler, und dem Hornisten einer drei Lagerstraßen weiter liegenden Kompanie zu erleben. Es gab gute musikalische Unterhaltung und eine Menge Gelächter.
Es folgte wieder nicht nennenswerter Drill.
Endlich ging es wieder ins Feld. Wir stellten uns auf. Das gefecht mit seinem minutenlangem Dauerfeuer, dem Vor- und Zurückgehen (-rennen), den Sturmangriffen, die den Offizieren ausser Kontrolle gerieten, war großartig. Gleichzeitig tobte an unserer rechten Flanke (Culps Hill) ein erbittertes Gefecht. Ein großartiger Eindruck. Befehle und Kommandostruktur sind im Gefecht bei unserer Einheit kaum vorhanden.

 
In anbrechender Dunkelheit zogen sich dann schließlich knapp 5000 Unionssoldaten durch den Wald den Hügel hinauf... wieder beeindruckend.
Nach dem Waffenreinigen und der Inspektion, mit Waffeninspektionen geizen sie nicht, sitzen wir am Lagerfeuer. Mal sehen, was noch kommt.


Tag 3, Samstag, 29. Juni 2013 (02. Juli 1863)
Roll Call am Morgen, fehlende Hornsignale, obwohl Bataillon und Kompanien mit Hornisten en mass gesegnet sind. Frühstück besteht aus Hardtack und einem Stück gebratenem Fleisch. Rationenausgabe. Fleisch (roh), rote kartoffeln, Salz, Kaffeebohnen, Zucker, gestern noch weiße Bohnen, Zwiebeln. Wir kochen das Fleisch ab oder braten es, die Bohnen hatten wir über Nacht in Wasser quellen lassen. Mit Zwiebeln, Fleisch und Salz geben sie eine vortreffliche Mahlzeit ab. Die Kulisse eines solchen Lagers ist beeindruckend. Es werden Waffen gereinigt, es wird gekocht,  Rauch zieht durch den Wald, es riecht nach Essen, Feuer, Pferden und nassem Laub. Hornsignale zerreißen die Stimme, Rufe der Waterdetails nach Canteens erschallen, die Sonnenstrahlen brechen sich im Rauch und dem Laub der Bäume.
Im Lager herrscht kaum Ordnung. Die Deutschen hatten ihr Lager zuerst errichtet, in Reih und Glied, dann kamen die Amerikaner und Franzosen und bauten ihre eigenen Zelthaufen in den Wald, abgetrennt voneinander. Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen. Erinnerungen an Munster 2008. Gestern Abend hatten und die Amerikaner zu Wein, Port und Wassermelone eingeladen. Ein paar von uns folgten der Einladung.
Heute soll es Drill geben: Angriff in der Linie, weil es gestern nicht funktioniert hat. Der Drill ist eine Farce. Die Filecloser machen ihren Job schlecht bis gar nicht und die Amis quatschen permanent unqualifiziert drauf los. Ich wünsche mir mehr preußische Disziplin... Unbescheidenheit ist hier mal angebracht. Die Amis können von der German Mess echt noch was lernen!
Offiziere und Unteroffiziere kennen die Hornsignale nicht, die Befehle kommen nicht laut genug bei den Mannschaften an und die Filecloser halten nichts davon, die Soldaten in ihre Positionen zu drücken oder von hinten zu korrigieren...
Anschließend marschierten wir in die Sutlers Row und genehmigten uns eine Limonade.
Das Gefecht am Nachmittag sah uns in Reserve liegend, an einem Waldrand, von wo aus wir die beeindruckenden blauen Linien mit berittenen Offizieren, wehenden Fahnen und Marschmusik vorrücken sehen konnten. Toll!

 
Unser Viertelstündiger Einsatz in diesem Gefecht endete mal wieder desaströs. Wir wurden im Wheatfield zusammen geschossen und die Linie hatte sich auch mal wieder aufgelöst. Böse Zungen behaupten, dass ich Schuld daran tragen würde, da ich immer Hurrah-schreiend mit gefälltem Bajonett voranstürmen würde, ich muss aber sagen, dass ich mich immer nur habe mitreißen lassen, wie die Kameraden auch... und die Linie überlebt keine Bodenwelle, da ist sie schon zerschlagen und der Befehle zum Vorrücken endet dann in einer wilden Wolke die im Musketenfeuer der grauen Linien zusammen geschossen wird.
Nach dem Gefecht brachen wir das Lager ab und marschierten zu einer kleinen Steinmauer, wo wir unser Lager aufschlugen. Der Abend brachte Gesang, warmen Niselregen und Schlaf.

Tag 4, Samstag, 30. Juni 2013 (03. Juli 1863)
Am Morgen feierten wir Deutschen einen ernsthaften Gottesdienst, danach ging es zur Dressparade mit drei Brigaden und dennoch marschierten hinter uns Truppen über die Straßen. Die Masse ist einfach beeindruckend. Zuvor hatte es an Culps Hill wieder heftige Gefechte gegeben.
Zurück an unserer Steinmauer beobachteten wir ein Kavalleriegefecht auf dem Feld vor den Zuschauern und anschließend begann mit einem Artillerieduell, welches ich mir zuvor beeindruckender vorgestellt hatte, Picketts Charge.



Der Angriff ist vorbei. In vier Reihen tief gestaffelt lagen wir hinter der Steinmauer. Es ging ganz schnell, Feuern, Gewehr nach hinten reichen, Feuern und wieder nach hinten reichen, geladenes Gewehr greifen, abfeuern und nach hinten reichen, nach vier Schuss rotieren und Laden, nach vorne geben, Laden, nach vorne geben... Pulverdampf hüllt uns ein, die Kehlen sind trocken, Schweiß zieht Bahnen auf der gebräunten, mit Staub und schwarzem Pulver beklebten Haut. Die Augen brennen, die Lippen reißen, es schmeckt stark nach Pulver auf der Zunge, die Musketen sind schließlich so heiß, dass man sie kaum noch anfassen kann. Ein unaufhörliches Stakkato der Musketen knattert und schleudert den Konföderierten Linien tausende weiße Wolken entgegen. Erst als der Befehl zum Feuereinstellen kommt und wir den Überresten der Konföderierten unser "Fredericksburg!" nachschreien, sehen wir das Schlachtfeld, was zuvor vom Pulverdampf und dem Stress der Schlacht verborgen war. Wie lange das Gefecht gedauert hat kann ich nicht sagen... es ging alles so schnell und verbissen voran... Ich bin nun müde...

Nach der Schlacht packen wir unsere Knapsacks, die als zusätzlicher Schutz auf die Mauer gelegt worden waren und zogen mit deutschen Liedern auf den Lippen in die Suttlers Row ein, wo wir ein Photo von allen Deutschen Teilnehmern machen ließen... es war vorbei...