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Harper's Ferry 1861 (2011)

In der Nähe von Harper's Ferry, Virginia, siebenundzwanzigster Juno 1861

Mein bester Mister Kaiser!

Wie steht es um Ihre Gesundheit und die Ihrer Familie? Was machen Frau, Söhne und Tochter? Haben Sie sich nach dem Sturze vom Pferd wieder erholt? Ich hoffe es doch inständigst!

Da sich unser Bundesstaat Virginia dazu entschlossen hatte, dem Aufrufe des Herrn Lincoln in Washington nicht zu folgen und nicht die Hand gegen ihre Schwesterstaaten im Süden zu erheben, so trat auch ich einer der zahlreichen Milizeinheiten bei, namentlich der Mountain Guard aus unserem Heimatorte Spring Hill. Alsbald kam denn auch die Einberufung und der Befehl, sich bei Harper's Ferry einzufinden, um dort die Kompanien unserer Gegend zu konsolidieren und eine Einheit aus ihnen zu formen. So trat ich also den Weg an. Vater allerdings war von dunkler Vorsehung getrieben – er ist gegen die Sezession, denn er sieht sich in der Schuld der Regierung in Washington, die unserer Familie angeblich erst den Aufenthalt in unserer neuen Heimat ermöglicht hätte. Mutter dagegen verbarg ihren Abschiedsschmerz und gab mir etwas Literatur mit – ein Traktat mit erbaulichen christlichen Geschichten, ein Neues Testament sowie ein Sammelband mit drei ins Deutsche übersetzten Shakespearstücken. Lieber hätte ich aber das große Geschichtsbuch mitgenommen.

Auf dem Turnpike ging es also nach Harper's Ferry. Hier wurde mir die Schönheit des Valley mit seinen weitem, blauen Himmel und den sanften Hügel erst wirklich bewußt. Nach angenehmer Reise schritt ich durch einen dunklen Tann. Dann öffnete sich der Wald und gab mir den Blick auf eine Lichtung frei, auf der bereits Militärzelte standen und sich Uniformierte bewegten. Ich meldete mich bei First Sergeant Bräunling und bezog ein Zelt mit Private Leistner. Dass die meisten der hier anwesenden Krieger Virginiens Deutsche waren, zeigte sich an dem Fasse Bier, an dem sich jeder Rekrut frei bedienen konnte. Mit der Zeit trafen weitere Männer der Mountain Guard ein, zuerst die Privates Hecker und Draudt. Ungeduldig erwarteten wir, dass auch die restlichen Kameraden ankämen. Die Wartezeit wurde uns durch Gespräche mit den Männern der anderen Milizen und herrliche musikalische Darbietungen des Trommlers und des Pfeifers versüßt, welche auch der Gitarre und des Akkordeons mächtig sind. Die letzten Strahlen der Sonne in dieser kurzen Sommernacht waren verklungen, als aus Richtung Wald der Schein einer Laterne über die Wiese zu uns kam – Corporal Brachmann, Private Kayser und Bugler Berger waren endlich eingetroffen. Herzlichst begrüßten wir uns, zogen uns aber alsbald in die Zelte zurück, da die Geisterstunde bereits angebrochen war und wir, wie so oft, das Feld zuletzt verließen.

Nach einer für mich wenig angenehmen Nacht als ehemaligen Zivilisten, der nur den süßen Schlummer unter Daunen kennt und an die Ursprünglichkeit des Nächtigens mit nur einer Decke auf Stroh noch nicht gewohnt ist – werde ich es wohl je lernen? -, brach der neue Tag an. Trommler, Pfeifer und Hornist weckten die, die um sechs Uhr früh noch in Morpheus Reich weilten. So traten wir zum morgendlichen Zählappell an. Leutnant O'Sullivan, ein Veteran des Krieges gegen Mexiko, stimmte uns auf einige Drilleinheiten ein. Zuvor hatten wir aber noch genügend Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Es fehlte uns an nichts - wir hatten Brot, Butter, Speck, Kartoffeln … Wenn der Krieg so weiter geht, so wird der Aggressor aus dem Norden noch vor der herbstlichen Ernte geschlagen sein! Um halb Neun ging es dann zum Drill. Es zeigte sich, dass wir bei der Mountain Guard nach einem etwas anderen Reglement zu exerzieren gelernt hatten. Doch diese Unterschiede wurden innerhalb kürzester Zeit ausgemerzt und wir ergingen uns in Marschmanövern aus der Kolonne in Linie und zurück. Nach einer halben Stunde pausierten wir. Da mein geschätzter Freund Franke erst mit dem morgendlichen Zug ankommen sollte, meldeten Private Kayser und ich uns beim Herrn Fürst Sergeant ab und nahmen einen Pferdewagen, um ihn abzuholen. Wir vertrieben uns die Zeit mit guten Gesprächen und so manchem Tabakrauchen. Auch Private Franke wurde herzlichst begrüßt und wir kehrten zum Lager zurück, nicht ohne allerdings ein paar frische Eier auf dem Weg von freundlichen Farmern zu erstehen.

Wir kamen rechtzeitig zum nächsten Exerzitium an. Hierauf folgte eine ausgedehnte mittägliche Pause, in der wir uns eine schmackhafte Rindersuppe zubereiteten, die wir an einem eigens aufgestellten Tisch mitsamt Blumenzier verspeisten. Nach deren Verspeisung erging sich ein Teil der Mountain Guard in einer zusätzlichen Einheit Drill, insbesondere der Schule des Soldaten und der Handhabung des Bajonetts. Zuletzt war nun auch der uns schon gut bekannte Private Querengässer angekommen, was abermals ein großes Hallo gab. Nach den folgenden gemeinsamen nachmittäglichen Exerzitien aßen wir eine kalte Vesper aus Cornbread, Brot, Butter und von Herrn Franke selbstgemachter Kirschmarmelade, nach der ich eine der erbaulichen Geschichten aus dem christlichen Traktate vorlas. Die Geschichte von Robert, dem Schiffsjungen, der vor seinem Herrn niederkniet, fand besonders bei unserem Hornisten größte Erquickung. Danach schlossen wir uns für eine abendliche Runde des Singens und Trinkens den anderen Milizionären unter dem Vordach des Zeltes des Herrn Fürst Sergeants an. Leider war das Wetter in jenen Tagen ein wenig durchwachsen – kurze, teils etwas längere Regenschauer verdunkelten den Himmel und benetzten unsere Uniformen, und die Sonne fand nur temporärerweise die Möglichkeit, mit ihren Sonnenstrahlen durch die Wolken zu kommen. Ab und ab wehte auch ein kräftiger Wind durch das kleine Tal und über unsere Wiese. Es war auch jene Nacht, die etwas frischer als die anderen war. Doch die von Bruder Franke mitgebrachten Lampions, welche vom Konterfei unseres Präsidenten Davis und dem Siegel unseres Staates geziert wurden, machten es jedem warm ums Herz.

Am nun folgenden Samstage war für das Frühstück weniger Zeit eingeplant worden und die Exerzitien begannen früher; zumeist waren diese eine Rekapitulation des Battailonsdrills des Vortages. Es schienen allerdings unsere Bajonettübungen auf den Herrn Leutnant großen Eindruck gemacht zu haben, so dass Corporal Brachmann vor die Front treten musste und den anderen Kameraden die grundlegenden und wichtigsten Griffe erklärte. Zu Mittag speisten wir eine hervorragende Bohnensuppe, bevor wir zu den Klängen des Horns den Plänklerdienst einübten. Die Männer der Mountain Guard hatten das Glück, mit den Signalen vertraut zu sein, da ja der ehemalige Krämer Berger jener Hornist ist. Sergeant Rolletter erhielt dringende Nachricht von zuhause und musste leider das Feld räumen, wurde aber durch Corporal Brachmann entsetzt. Das Abendmahl wurde von der gesamten anwesenden Miliz eingenommen – es war ein Lamm am Spieße über dem Feuer gedreht worden. Ich schätzte mich glücklich, ein Stück mit krosser Haut abbekommen zu haben. Dass abermals Bohnen dazu gereicht wurden und somit ein weiteres Instrument seine Töne beisteuerte, muss ich nicht näher vertiefen. Nach dem Dinner vermischten sich die Männer der verschiedenen Milizeinheiten, so dass zu jenem Zeitpunkt hier ein buntes Grüppchen vor unserem Zelte saß und über das Leben vor dem kriege erzählte, während andere vor des Fürst Sergeanten Zelte Palaver hielten, und wieder eine weitere Gruppe am Lagerfeuer sich heftigst die Effizienz der preußischen Truppen anno 1813 disputierte – während der ganzen Zeit blieben die Kehlen nicht trocken. Sie mussten auch befeuchtet werden, da nun ein Lied das andere jagte, von den Klängen der alten Heimat bis zu den adoptierten Weisen der neuen Heimstätte. Wie immer tat sich unser Männergesangschor höchst vorzüglich hervor und konnte so manchem alten Recken dazu bewegen, in die Lieder der Sprache unserer Heimat zwischen Rhein und Oder mit einzustimmen. Während mancher Kamerad es länger aushielt, ging ich an diesem Abend früher und ermüdet zu Bette.

Am nächsten Morgen wurde ein wenig später als sonst geweckt; auch war der Appetit nicht so groß, wie er es die vorherigen Tage war. Glücklicherweise hatten einige Finder Handwerker zwei Outhouses gezimmert, die denn nun auch das ganze Wochenende, speziell aber an diesem Morgen stärkstens frequentiert wurden. Nach einer kurzen Zeit des Exerzierens, in der das über das Wochenende gelernte nochmals wiederholt wurde, kam es denn zu einer demokratisch-freundlichen  Aussprache, wie es sich für wahre Amerikaner gehört.

Nun habe ich also auch Zeit, Ihnen zu schreiben, bester Freund. Ich hoffe, dass Ihre Blessuren bald verheilt sind und auch Sie sich unserer Einheit anschließen können, um mit uns zusammen ins Felde zu ziehen. Geht der Krieg so weiter, so wird es ein Zuckerschlecken werden, und mit solch motivierten Kriegern der Feind sicherlich vor der nächsten Ernte geschlagen sein, so dass wir Weihnachten wieder in unserem schönen Valley verweilen können! Ach, ich wünschte, Ihr wäret bereits dabei und hättet die Kameradschaft der Valley-Milizen erleben können, es wäre Ihnen sicherlich ein wahres Plaisir gewest!

So schließe ich denn nun meine Zeilen. Saget auch bitte Ihrer Familie einen Gruß und all den anderen in unserer Stadt verbliebenen wie dem Gerichtsdiener Wolff, dem Pferdeschmied Meissner und all den anderen guten Männern. Je mehr von uns dabei sind, ob aus England, Frankreich oder deutschen Landen stammend, desto früher ist dieser unsägliche Bruderkrieg vorbei.

Gehabt Euch wohl,

Euer untertänigster Diener und treuer Freund,


Ben Hass