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Wildflecken 2009


Cold Harbor, June 5 1864
96th Penns. Vol. Co. D

My dearest Margaret,

Grant marschiert weiter nach Süden. Nachdem wir uns am North Ana River erneut blutige Nasen geholt haben, du hast sicherlich davon gelesen, wird unsere Kompanie mittlerweile von Leutnant Hecker befehligt. Unsere Stimmung ist schlecht. Immer mehr Stimmen gegen Grant und Lincoln sind zu vernehmen, Stimmen, die unseren geliebten McClellan zurückfordern, wenn schon nicht als General, so doch als Präsident.
Unsere Kompanie gehörte am 1. zur Speerspitze unseres Korps, dass sich Cold Harbor näherte. Trotz der Hitze marschierten wir zügiger, als uns lieb war, sodass die Verbindung zu den Haupttruppen brach und wir beschlossen uns in der Nähe der Wege, nur eine halbe Stunde vor Cold Harbor, einzugraben. Der Boden hier ist dazu denkbar ungeeignet. Er ist fest und lehmig, hunderte von Steinen erschweren das Graben und tiefe Wurzeln versuchen ihn mit aller Macht zusammen zu halten. Als ich vorgerückt auf Wache stand, bemerkte ich plötzlich Rebellen, die sich unserem Lager näherten. Ich nahm einen aufs Korn, der in einem Straßengraben um unsere Verschanzungen schlich. Als er mich entdeckte ergab er sich und ich wollte ihn zu Corporal Wolf bringen. Da krachten, versteckt hinter zwei dichten Bäumen, zwei Musketen und ein heftiger Ruck riss mich zu Boden. Ich war wie benommen, als mich Kamerad Falkenstein zu unseren Stellungen zurück schliff. Wie durch ein Wunder blieb ich unversehrt. Die Kugel hatte lediglich die Uhr zerschmettert, die mir dein Bruder damals geschenkt hatte. Wir konnten einen ersten Rebellenangriff abwehren und eine Waffenruhe aushandeln. Vielleicht wussten die Johnnies ja nicht, das sie es nur mit einer Kompanie zu tun hatten. Private Groiner wurde nun als Melder losgeschickt, um endlich Verstärkungen von der Brigade heran zu ordern. Noch vor Ablauf der Waffenruhe griffen die Rebellen wieder an- vielleicht hatten wir auch all ihre Uhren getroffen. Wir waren ihnen hoffnungslos unterlegen und unsere Stellungen wurden gestürmt, als die 45th New York eintraf und in einem schnellen Gegenstoß die Rebellen wieder vertrieb. Welch unsagbares Glück! Die New Yorker Jungs deckten nun unsere Schanzarbeiten, den Private Groiner überbrachte den Befehl, dass wir unsere Position auf jeden Fall halten sollten, bis der Rest des Korps eintraf. Schleppend ging die Arbeit weiter. Trotzdem gelang es uns bis zum Abend uns einigermaßen gut zu verschanzen. Private Brachmann schürte die Stimmung gegen Grant, den er als Säufer und Schlächter bezeichnete. Ich fürchtete bereits, dass er Recht hat, die letzten Schlachten haben dies ja blutig bewiesen und so fürchtete ich mich vor dem, was noch vor uns lag. McClellan hatte uns doch damals mit einem Bruchteil unserer jetzigen Verluste fast bis in die Vororte von Richmond manövriert, ehe ihn Lee mit überlegenen Kräften zurückwerfen konnte. Nun- seit Gettysburg- ist das Rückrat er Army of Northern Virginia gebrochen und Grant schafft es nicht, ihr den Todesstoß zu versetzen.
Ich war sehr müde vom Marsch ( den ich übrigens mit einem neuen Paar Schuhe antreten durfte, die sich als wesentlich bequemer und besser heraus gestellt haben, als jene, die ich bei der letzten Lieferung erhielt). Glücklicherweise ging der Kelch der Nachtwache an diesem Abend an mir vorüber, sodass ich mich die Nacht etwas erholen konnte.
Am nächsten Morgen erreichte uns ein neuer Befehl, der die Kompanie zum Korps zurück beorderte. Wir verließen unsere kleine Festung, die wir zu Ehren eines unserer Corporäle Wolff´s Schanze genannt hatten. Nach einer kurzen Strecke Weg stießen wir auf unser Battalion, dass aber immer noch fest im Schlaf versunken war. Sergeant Moersch gab uns daher die Zeit zum Abkochen und Frühstücken. Als das Battalion danach immer noch nicht bereit war, mussten wir Drillen. Schließlich hatte Major Uebelmann seine Kompanien sammeln können und rief sie zur Dressparade zusammen. Späher hatten berichtet, dass die Rebellen mittlerweile in unseren eigenen Verschanzungen saßen. Und General Grant befahl einen Großangriff!
Wir ließen unsere Tornister zurück, um im Wald mehr Bewegungsfreiheit zu haben.
Unsere Stellung war gut gewählt, den sie lag auf erhöhter Position inmitten unwegsamen Geländes. Nun waren wir jedoch diejenigen, die in Skirmishline auf „Wolff´s Schanze“ vorrückten. Doch die Rebellen feuerten aus allen Rohren und es hagelte Blei. Wir konnten durch die dichten Büsche kaum etwas sehen. Ich nahm auf einem alten Baumstumpf hinter einem großen Busch Platz und beobachtete das Geschehen. Wir hörten Schreie erst das wilde Gebrüll vorstürmender Divisionen, dann das Krachen von Kanonen und Knattern der Musketen, und schließlich ein lautes, aber sehr unheimliches, markerschütterndes Wimmern. Grant hatte es getan! Ich wusste es in dem Moment, als auch uns der Befehl zum Sturmangriff gegeben wurde. In geschlossener Formation rückten wir auf die Wälle vor. Ich konnte den schwarzen Schlund einer Kanone sehen, welche auf mich gerichtet war! Die Rebellen gaben Feuer und ich schloss die Augen, da ich erwartete, sofort vom glühenden Eisen zerstückelt zu werden. Aber nichts geschah. Ich sah mich um und sah, dass alle meine Kameraden um mich herum gefallen waren. Wie vom Schlag getroffen blieb ich im dichtesten Kugelhagel stehen. Die Minnies pfiffen um mich herum, aber ich hörte weder das Krachen und auch kein Stöhnen von Verwundeten, denn all jene, die getroffen wurde, weilten bereits in einer besseren Welt. Plötzlich rief mich die Stimme von Sergeant Moersch zur Besinnung. Er und der überlebende Rest der Kompanie hatten sich hinter den Schutz der Bäume zurück gezogen und dahin floh auch ich jetzt.
Eine seltsame Szene ergab sich. Ein konföderierter Offizier, dessen Nerven dem Druck des Gemetzels wohl ebenfalls nicht Stand gehalten hatten, kam auf uns zugestürmt und wurde von uns nieder geschossen.
Der Sergeant schickte mich als Melder zum Major, um weitere Befehle zu empfangen. Leutnant Hecker wurde vermisst. Ich fragte mich, ob auch er gefallen sei. Der Major befahl uns, die Reste der Kompanie rechts unserer jetzigen Position zusammen mit den Resten des Battalions, welches fürchterliche Verluste hinzunehmen hatte, zu sammeln. Ich meldete es Sergeant Moersch, nur um glücklicherweise unseren Leutnant Hecker wieder zu sehen, der zum Glück nur eine Schramme empfangen hatte. Der Leutnant führte uns zu besagter Position, wo auch die Reste der B und C Kompanie lagerten. Eine kleine Rebelleneinheit versuchte von der Straße her uns wieder in den Wald zu drücken, wurde aber von uns verjagt. Wir besetzten die Straße und versuchten nun unsererseits die Rebellen zu umgehen und die Schanze zu stürmen. Kompanie C hatte schwere Verluste im Abwehrfeuer der Rebellen hinnehmen müssen. Unser Glück war es am Ende der Kolonne zu stehen. Wir gaben eine Salve ab und stürmten die Schanze. Der Mut der Rebellen brach und sie flohen, doch konnten wir ein Dutzend Gefangene machen. Wir verfolgten sie nicht weiter, sondern bargen unsere Verwundeten, sammelten die Vermissten auf und besetzten die Schanze wieder. Es drangen Nachrichten durch, dass der Schlächter von Shilo wieder einen Großangriff befohlen hatte. Es war von mehreren Tausend Toten die Rede. Wir verschanzten uns daher wieder, den man befürchtete von Seiten der Korpsführung, dass Lee die Chance nutzen würde unsere desorganisierten Truppen in einem kühnen Gegenstoß aus Virginia zu vertreiben. Und keine Stunde später rückten die Rebellen auch tatsächlich vor. Zwei Angriffe konnten wir abwehren. Über offenes Feld, gegen unsere Schanzen, die Rebellen hatten keine Chance. Doch immer mehr stürmten vor und schließlich standen sie auf unseren Wällen. Zwei, drei, vier, erwischte mein Bajonett, bis mich ein Kolbenstoß am Kopf traf. Das letzte, was ich sah, war der leblose Körper von Private Falkenstein, auf den ich niedersank. Was dann passierte, weis ich nicht. Finstere Nacht umfing mich. Als ich aufwachte waren die Rebellen weg. Wir waren allein. Unsere Kompanie war auf weniger als zehn Mann zusammen geschmolzen. Sergeant Moersch und etliche Kameraden waren verschwunden. Leutnant Hecker lebte noch und beschloss, dass wir uns vorsichtig zum Korps zurück ziehen sollten. In der Deckung des Waldes marschierten wir zurück, wobei immer noch Schlachtenlärm zu vernehmen war. Wir fanden schließlich die Reste unseres Battalions, wo sich auch Sergeant Moersch mit einem halben Dutzend Kameraden befand. Wir erfuhren, dass der Vormarsch der Rebellen zurück geschlagen worden war, aber das auch Grant, der einen Großangriff auf ihre Stellungen befohlen hatte, fast achttausend Mann verloren hatte. Bis sich das Korps gesammelt haben würde, sollten wir die alten Stellungen sichern, weswegen unser kleiner Haufen wieder ausmarschierte. Die Nacht war ruhig und wieder musste ich keine Wache gehen, wahrscheinlich, da ich durch den Kolbentreffer unter schwersten Kopfschmerzen litt. Die Post hatte uns erreicht und darunter dein letzter Brief. Und stell dir vor, mein alter Freund Jonathan hat mir auch einmal wieder geschrieben, was mich fast zu Tränen rührte. Dem Corporal Wolff ist die Frau weggelaufen, da sie die Angst um ihn nicht mehr ertragen konnte. Ich hoffe, du bleibst mir treu! Ich wüsste nicht, wie ich den Krieg ertragen sollte, wenn ich weis, das zu Hause niemand auf mich wartet. Bete mit mir, das McClellan die Wahl gewinnt. Er will diesem sinnlosen Gemetzel ein Ende machen. Lassen wir doch die Brüder im Süden tun und lassen, was sie wollen. Ändern können wir sie ohnehin nicht. Und schon zu viele tapfere Männer auf beiden Seiten sind gefallen. Die Armee, sie brachte mir viele teure Freunde, aber ich sah manchen so schnell gehen, wie er gekommen war. McClellan wird uns sicherlich ein so guter Präsident sein, wie er uns ein führsorglicher General war.
Ich schließe diese Zeilen und versichere dir, dass ich unverletzt bin, wofür ich Gott unserem Herren danke. Ich bitte ihn, mir dieses Glück in den Schlachten, die sicherlich noch folgen, solange Lincoln Präsident und der cholerische Grant unser General ist, zu erhalten.

In aufrichtiger Liebe
Alexander