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Munster 2009/ Bernhard

At All Costs

Teil 1


Aufbruch

Blitze zuckten an diesem frühen Morgen am Himmel. Ein steifer Wind blies immer wieder Regenwellen über die Strasse und weichte den Boden auf.
Gelassen wirkten die zwei Gestalten, die in Ihren Karren auf den Zug gewartet hatten, der jetzt mit einem leichten Quietschen einfuhr. Nachdem er angehalten hatte stiegt eine Person auf die ersten Stufen eines Waggons herunter. Der Regen fiel unerbittlich nieder. Die Männer nickten sich nur kurz zu, dann stiegen die beiden Männer von ihren Karren und reichten dem Mann auf den Stufen ihr Gepäck herauf.
Ein aufmerksamer Beobachter hätte Waffen und blaue Uniformen erkennen können, die dort verladen wurden. Es mutete an ein konspiratives Treffen an, doch niemand sah bei diesem Wetter hin. Als alles verstaut war, wurden die Karren an die Seite gestellt und wenig später verließ der Zug mit den drei Personen die Stadt.

Eine Stunde später hielt der Zug in der nächsten Stadt an. Inzwischen hatte sich das Gewitter verzogen. Zwei weitere Männer stiegen in den Waggon, auf dessen Außenseite in großen Lettern US aufgemalt worden war. Auch sie führten Waffen und Uniformen mit sich.

Sie hatten ein ganzes Abteil für sich und noch einen langen Weg zu bewältigen. Sie vertrieben sich die Zeit mit den Erzählungen vom Heimaturlaub, Erinnerungen an vergangene Zeiten und Aussicht auf einen baldigen Sieg.


Ankunft

Nach endlosen Stunden kamen die fünf Männer bei ihrem Stützpunkt an. Als sie aus dem Zug gestiegen waren, zogen sie ihre blauen Uniformen an. Nun erst unterschieden sich die Männer in ihrem Rang. Einer von Ihnen trug drei Streifen auf seinem Ärmel, was ihn als Sergeant der Unionstruppen auswies.

Ein Großteil ihrer Einheit war bereits versammelt und hatte in einem kurz zuvor ausgetragenen Gefecht einige Rebellen gefangenen genommen. Auf der Seite der Union gab es keine Verluste.

Der Sergeant wollte sich bei dem Offizier seiner Truppe melden, so war es Vorschrift. Doch er konnte ihn nicht finden. Schließlich erfuhr er, dass der Leutnant erst viel später wieder zur Truppe stoßen sollte. Das Kommando wurde erst einmal ihm übertragen. Als ersten Auftrag sollte ein Picket in Feindesnähe bezogen werden.

Gerade als der Sergeant sich seinen Tornister umschnallen wollte riss der Riemenhaken von ihm ab. Das Beziehen des Pickets musste noch ein wenig warten. So breitete er seine Habseligkeiten auf dem Boden aus und begann den Haken wieder anzunähen. Ein drohender Gewitterschauer ließ ihn schon befürchten, dass er seine Sachen nass zum Picket tragen musste. Doch das Gewitter zog ohne viele Regentropfen zu verlieren vorbei. Bei dem Versuch, den Haken anzunähen, stach sich der Sergeant mehrfach in die Daumen und Zeigefinger beider Hände. Drei Nadeln brachen ihm ab. Die Vierte brachte ihm den gewünschten Erfolg.
Inzwischen dämmerte es und der Sergeant hatte sich noch keinen Schritt auf den Picket zu bewegt, wie ihm befohlen worden war. Dafür war er schon am Bluten. Es sollte nicht das einzige Blut sein, was er an diesem Abend noch verlieren sollte.

Die Kompanie rückte ab, fand die zugewiesene Stelle und bezog ihren Posten. Immer wieder fielen in diesem Gelände kleine Stechmücken über die Soldaten her. Lästige kleine Biester, die von den Soldaten eine Blutspende einforderten. Dies war der Preis für das Eindringen in ihr Gebiet. Der Sergeant fragte sich, wovon die Viecher wohl leben mochten, wenn gerade keine Armee hier durchzog.

Es war eine warme angenehme Nacht für den Sergeanten. Alles blieb ruhig. In der Nacht überprüfte er die Wachen. Die Wolken hatten sich verzogen und ließen einen Blick auf die Sterne zu. Lange unterhielt er sich noch mit Private Berger, dessen Posten am weitesten vorgezogen lag. Er genieß die Ruhe und Zufriedenheit dieser Nacht. Lange würden sie nicht mehr anhalten.


Der erste Morgen

Nach der Dressparade marschierten sie zu ihrer eigen Überraschung nicht zurück in das Camp. Der Major Uebelmann führte die Truppe aus dem Lager heraus. Gerüchte besagten, dass die Rebellen nicht weit von ihnen mit Verschanzungen begonnen hätten.
Die Stimmung auf dem Marsch war gelassen. Niemand glaubte ernsthaft an ein Treffen mit den Rebellen.

Als der Trupp in die Nähe einer Waldlichtung stieß, wurde dem Sergeanten befohlen, seine Männer in Schützenlinie an der rechten Flanke des Regiments aufzuziehen.
Die Formation hatte sich kaum entwickelt, als schon die ersten Schüsse von der anderen Seite der Lichtung ertönten. Im Schutz der Bäume rückten sie weiter vor. Langsam konnten Sie einen Blick auf die Lichtung werfen und erkannten schnell, dass der Feind dort einen Wall errichtet hatte, hinter dem er sich verschanzt hatte.
Die Scharfschützeneinheit des Regiments wurden zu ihrer Linken postiert. Sie nahmen die Rebellen schnell unter Feuer.
Die Schützenlinie stieß weiter bis zum Waldrand vor und suchte Deckung hinter den einzelnen Bäumen. Der Sergeant gab das Kommando zum freien Feuern. Alles schien auf ein kleines Scharmützel hinauszulaufen.
Doch der Major hatte andere Absichten. Mit grimmiger Miene betrachtete er das Geschehen. Er wollte eine Verteidigungsposition der Rebellen in der Nähe seines Lagers nicht dulden. Die Rebellen mussten geschlagen werden. „At all costs“, betonte er.

Eine Kompanie ihres Regiments zur Linken wurde nun in der Flanke der Befestigungsanlagen auf die Lichtung geführt. Sofort gerieten sie durch die Artillerie der Rebellen unter heftiges Feuer. Musketensalven krachten. Schließlich zog sich die Unionseinheit wieder zurück. At all costs, hatte bis jetzt kaum Ausfälle gefordert.

Rebellenkavallerie erschien auf der rechten Flanke der Schützenlinie und drohte sie zu überrennen. Direkt hinter ihnen hatten sie versucht sich heranzuschleichen. Doch die Männer des Sergeants waren aufmerksam gewesen. Einzelne Schüsse vertrieben die Kavalleristen schnell wieder.
Immer noch war das Aufeinandertreffen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als ein Scharmützel. Der Sergeant zog seine Linie weiter auseinander. Seine rechte Flanke war nun durch ein dichtes Waldstück gedeckt. Unmittelbar vor ihm lag der Wall, hinter dem sich einige Rebellen verschanzt hatten. Nur vereinzelte Schüsse wurden zwischen den beiden Parteien ausgetauscht. Niemand bot dem anderen wirklich ein Ziel, auf das es sich zu Feuern gelohnt hätte.

Der Major zog die Scharfschützen von der linken Flanke der Schützenlinie ab. Nun verlor die Einheit des Sergeants den Kontakt zur Kampflinie. Beide Flanken waren nun offen. Der Sergeant schüttelte nur kurz den Kopf. Er war überzeugt davon, dass sich ihm gegenüber nur vereinzelte Kämpfer befinden konnten. Die Hauptmacht der Rebellen konzentrierte sich darauf ihre rechte Flanke zu decken. Hier versuchte erneut eine Unionseinheit, den Wall zu überwinden. Doch der Angriff wurde nicht mit voller Wucht geführt, so dass Kartätschen und Gewehrsalven die Unionstruppen erneut zurückwarfen. At all costs, bekam neue Nahrung.

Hastig schrieb der Sergeant einige Informationen auf einen Zettel Papier für die kommandierenden Offiziere zusammen. „Have lost contact on my left flank. Need support. Weak infantry in front. Orders?”. Dazu malte er eine Skizze von dem Verlauf der momentanen Schlachtlinie.
Ein Gedanke hatte begonnen, in seinem Kopf Gestalt anzunehmen. Er wollte den Wall an seiner schwächsten Stelle nehmen, und diese lag direkt vor ihm. Er rief nach einem Melder, dem er das Papier in die Hand drückte, mit der Order, es so schnell wie möglich dem Stabsoffizier Leutnant Delgado auszuhändigen.

Endlose Minuten vergingen, bis Private Lukas Kayser wieder auftauchte. Der Offizier hatte ihm keine Botschaft für die Rückantwort mitgegeben. Wut kroch dem Sergeanten aus dem Bauch hoch. Er warf einen wütenden Blick auf die Befestigungen der Rebellen vor ihm. Konnte er es wagen, alleine mit seiner Kompanie zu stürmen. Beide Flanken waren ungedeckt. Sollte die Kavallerie wieder auftauchen, könnte seine ganze Einheit aufgerieben werden. Doch der Krieg ist nichts für Zauderer, dachte er bei sich. Die Rebellen hatten wohl schon lange bemerkt, dass er hier mit seinen Männern alleine stand und, was viel wichtiger war, sie hatten ihn nicht angegriffen. So konnten sie seiner Einheit auch nicht überlegen sein. Wenn doch, so waren sie schlecht geführt. Er sollte dies nutzen! In wenigen Sekunden hatte sich der Gedanke in die Vorbereitung der Tat verwandelt. Der Sergeant ließ seine Männer laden.
„Wie die Heuschrecken, fallen wir gleich über euch her“, dachte er sich.
Er gab seinen Männern den Befehl sich zu erheben und die Bajonette aufzupflanzen. Er wusste nicht, ob die Männer begriffen hatten, was er vorhatte, aber sie sicherlich spürten sie, dass sich die Situation zu ändern begann. Das Scharmützel entwickelte sich zu etwas anderem. Ein Angriff stand bevor.

Der Sergeant ließ noch einmal kurz den Blick von seiner linken zur rechten Flanke gleiten, holte tief Luft und rief mit donnernder Stimme:
“Ready, Aim, Fire.“
Dann folgte ein langgezogenes, markerschütterndes
„Chaaaaaarge!“.
Unter Gebrüll stürmten sie auf die Rebellenstellung zu. Nur wenige Meter bis zum Wall mussten sie noch überbrücken. Die Rebellen sichtlich beeindruckt von der Masse wilder Männer, die auf sie zustürmte, machten kehrt und verließen ihre Deckung.
„Da laufen sie.“
Der Sergeant merkte nicht, ob sie ihm noch ein paar Kugeln entgegenschickten. Er hatte sie überrascht. Jetzt liefen sie wie die Hasen.
Auf ihrer Seite des Walls angekommen, begannen die Unionssoldaten wieder zu laden und sich selbst zu verschanzen. Ein Trupp Kavallerie tauchte an ihrer rechten Flanke auf. Nach ein paar Schüssen drehten sie wieder ab. Diese Stellung hatten sie.
Der Sergeant rief nach dem Melder.
„Melde, dass wir den Wall genommen haben, wir aber zu schwach sind ihn lange zu halten. Wir brauchen Verstärkung, dringend!“
Mit diesem Auftrag lief der Melder zurück.

Der Sergeant blickte über den Wall. Die Angriffe der Unionstruppen an der linken Flanke hatten nachgelassen. Das gab den Rebellen Gelegenheit sich nun gegen seine Einheit zu richten. In einem kleinen Waldstück konnte er erkennen, wie sie sich massierten. Das können wir nicht halten, dachte er sich. Seine Männer feuerten vereinzelte Schüsse zu den Rebellen herüber. Der Sergeant blickte sich wieder um. Kein Melder, keine Verstärkung. Die Rebellen setzten sich in Bewegung. Eine lange geschlossene Linienformation schwenkte auf sie ein. Ein Soldat aus seiner Einheit lief zurück. Der Trommler, Private Falkenstein. Auch gut, den konnte er hier jetzt eh nicht gebrauchen.

Ein weiterer Mann verließ die Linie und flüchtete. Jemand schoss hinter ihm her. Die Kugel wäre besser gegen die andere Seite gerichtet gewesen, dachte sich der Sergeant. Der Fliehende wollte ihnen schließlich nichts mehr tun.
Die Rebellen kamen näher. Der Sergeant wusste, dass der Wall nicht mehr zu halten war. Immer noch zeigten sich keine blauen Uniformen aus dem Waldstück hinter ihnen. Eine Salve brauchte er nun, um die Rebellen soweit aufzuhalten, dass ihre Bewegung verlangsamt würde und seiner Einheit die Gelegenheit geben würde, sich zurückzuziehen. Er befahl den Männern, ihr Feuer zu halten. Doch so sehr er diesen Befehl zu ihnen herüberbrüllte, sie hielten sich nicht an ihn. Sobald ein Soldat seine Waffe abgefeuert hatte, rannte er schon zurück in den Wald und suchte Deckung. Nur noch vier Mann lagen hinter dem Wall. Ängstliche Blicke trafen den Sergeanten. Er wusste nicht, ob eine Salve aus vier Musketen den Gegner wirklich noch aufhalten konnte, sofern überhaupt alle ihre Waffen noch geladen hatten. Es blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Er konnte es nur versuchen. Nicht denken. Handeln. Jetzt!
Er gab den Befehl zum Feuern. Dann machte er kehrt und rannte wieder zu der Stellung im Wald. Die Rebellen besetzten jubelnd wieder den Wall. Es gab keine Ausfälle. Das war die gute Nachricht. Alle hatten es in den Wald geschafft und suchten hier wieder Deckung.

Der Melder kam zurück. Eine Unterstützungseinheit unter Captain Sanft war unterwegs. Zu spät. Zehn Minuten zu spät. Sanft kam mit einer großen Einheit Unionsinfanterie. Er gab seinem Bedauern Ausdruck, dass der Sergeant seine Stellung nicht hatte halten können. Er befahl einen erneuten Versuch, den Wall zu stürmen. At all costs, würde also heute noch reichlich Nahrung bekommen.
Beide Einheiten verbanden sich nun zu einer geordneten Schlachtlinie. Vorwärts! Der Sergeant ließ seinen Teil der Linie kürzer treten. Der andere Linienteil unter Captain Sanft sollte das offene Feld zwischen dem Wald und dem Wall zuerst erreichen. Die Rebellen würden sich auf das erste Ziel stürzen, dessen sie ansichtig würden. Das gab die Chance, sich erneut auf die Rebellen zu stürzen, wenn diese ihre Waffen gerade abgeschossen hatten. Es bedeutet gleichzeitig, dass seine Einheit weniger Verluste haben würde. Der Plan ging auf. Captain Sanfts Einheit musste den ersten Schlag hinnehmen. Danach stürmten die Linien auf den Wall zu.
Schneller. Der Sergeant kam leicht ins Straucheln. Er fing sich wieder und stürmte weiter. Er sah nicht mehr, ob seine Männer ihm folgten. Er stürmte vor. Dann erreichte er den Wall an der äußersten rechten Flanke. Ein Toter Rebell lag dahinter. Ein anderer lud gerade seine Waffe. Er hielt die Patrone noch zwischen den Zähnen, als der Sergeant ihn mit dem Bajonett in die Seite traf. Nun wendete sich der Sergeant nach links, wo er sehen konnte, dass andere Unionssoldaten den Wall überwanden und in den Nahkampf mit den Rebellen übergingen. Es entbrannte ein kurzes blutiges Gemetzel. Die Männer rangen miteinander, setzten Bajonette und Gewehrkolben ein. Der Sergeant rannte weiter hinter dem Wall entlang auf das Zentrum der Schlacht zu. Direkt vor ihm machte ein Rebell in einem grauen Mantel und einem Dreispitz auf dem Kopf einen Unionisten nieder. Er hatte seine Arme noch nicht wieder erhoben, da hatte ihn der Sergeant erreicht und stieß ihm sein Bajonett direkt durch die Brust. Tödlich getroffen kippte der Mann nach hinten über und sank stumm zu Boden. Der Sergeant schaute auf. Die überlebenden Rebellen flohen nun zurück.
Weitere Unionstruppen hatten sich wieder an der linken Flanke gesammelt und nutzten ihre Chance einen weiteren Punkt der Befestigung zu überrennen. Der Sieg war vorerst gelungen.

Mittag

Der Sergeant begann seine Männer zu sammeln. Von Captain Sanft in den Schatten beordert, ließen sie sich zu Boden sinken. Kampfbericht: Private Kayser und Private Rudel hatten leichte Verwundungen erlitten. Corporal Wolff war am Kopf getroffen worden. Streifschuss. Keiner war schwerer verletzt.
Inzwischen machten sich die ersten Fledderer über die Gefallenen her.
Die Kompanie hatte kaum noch Munition und Wasser. In der Hitze und Schwüle abgekämpft und müde zogen sie sich zu ihren zuvor abgelegen Tornistern zurück. Hier trafen sie auch ihre Verwundeten wieder. Das Feldlazarett war genau an dieser Stelle errichtet worden.
Ein kleiner Trupp Rebellenkavallerie ritt oberhalb ihrer Position auf der Strasse vorbei. Sie bemerkten die Unionseinheit und wendeten ihre Pferde. Dabei fiel ein Rebell vom Pferd und brach sich einen Rückenwirbel.
Es war das Jahr 1864. Die Rebellenarmee besaß offensichtlich nicht mehr die Kavalleristen, die der Union einst das Fürchten gelehrt hatte. Sie waren längst begraben und vergessen.
Vögel begannen zu zwitschern. Ruhe kehrte wieder ein. Wo sie gerade waren, ließen sich die Männer auf den Boden sinken.
Sie dösten im Schatten. Einige begannen ein Feuer zu machen und Kaffee zu kochen. Der Sergeant zerkaute einige Hardtacks. Dann legte er sich zurück und schlief ein.
Wenig später wachte er wieder auf. Noch war es ruhig, doch es lag etwas in der Luft.
Seine innere Stimme hatte ihn nicht getäuscht. Der Major wollte den Rebellen nachsetzen. Die Kompanie des Sergeanten erhielt den Befehl, einen weiten Bogen zu schlagen und wenn möglich den Rebellen in den Rücken zu fallen.
Die Hauptstreitmacht zog bereits in Kolonne über die Strasse in Richtung Osten ab. Der Sergeant sah ihnen nach, dann ließ er die Männer antreten.
Sie nahmen zunächst die Strasse nach Süden. Wenig später trafen sie auf Kavallerie der Rebellen. Der Sergeant ließ die Kompanie in Linie aufmarschieren. Die Rebellereiter zeigten jedoch wenig Lust sich mit der Unionsinfanterie anzulegen und zogen sich zurück.
Doch sie waren entdeckt worden. Der Sergeant schwenkte mit seiner Kompanie nach Osten und marschierte direkt durch die Wälder. Hier, so hoffte er, würde ihn die Kavallerie schwerer aufspüren können.


Nachmittag

Ein Gewitter zog auf. Zu ihrer Linken ertönte Kanonendonner. Die Union war auf die könföderierten Einheiten getroffen. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würden auch sie erneut im Feuer liegen. Es war egal, wo sie auf den Feind stoßen würden. Der Sergeant war weder aufgeregt, noch war er ängstlich. Er war einfach nur müde.
Schließlich trafen sie auf eine Straße. Sie wendeten sich nach Norden und ließen die Trommeln schlagen. Dies sollte den Rebellen anzeigen, das eine große Infanterieeinheit der Union in ihrem Rücken aufmarschiert wurde. Nach wenigen Minuten erreichten sie eine Wiese. Auf der linken Seite waren heftige Gefechte im Gange.

Nun brach das Gewitter endgültig los. Dicke Regentropfen prasselten auf die Soldaten nieder. Der Sergeant ließ die gum blanckets hervorholen und die Männer schnürten sich diese um die Schultern.

In Schützenlinie stießen sie langsam weiter vor. Ein paar Rebellen tauchten vor Ihnen auf. Es entwickelte sich jedoch kein Scharmützel. Eine Hecke lag zu ihrer Linken und versperrte eine volle Sicht auf die Wiese, die sich über eine Meile einen Hang hochzog und weiter oben wieder von einem Waldrand gesäumt war. Dort konnte der Sergeant eine Einheit Rebellenartillerie erkennen. Weiter links mussten die restlichen Unionseinheiten sein, die sich ein Gefecht mit der Hauptstreitmacht der Rebellen lieferte. Dies konnte der Sergeant jedoch nicht erkennen, da das Dickicht so dicht gewachsen war. Gerade wollte er einen Melder losschicken, als er eine Einheit Rebelleninfanterie mit einer Battleflag bemerkte, die sich aus dem Kampfgeschehen in seine Richtung zurückzog. Der Sergeant nahm an, das sie gleich abschwenken würden und sich zur Artilleriestellung zurückziehen würden. Doch die Einheit marschierte einfach weiter und kam hinter der Hecke in die Schusslinie der Unionskompanie. Der Sergeant glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Er blinzelte und versuchte das Bild abzuschütteln. Als er die Augen wieder öffnete, bot ihm die Rebelleneinheit ihre komplett entblößte rechte Flanke an. Die Zeit schien sich für ihn in diesem Moment zu verlangsamen. Es gab in diesem Moment nichts, worüber man nachdenken musste. Die Befehle kamen instinktiv.
“Ready – Aim – Fire!”
Mit den Schüssen und dem Pulverdampf hatte die Zeit wieder ihre normale Geschwindigkeit erreicht. Die Hälfte der Rebellen war gefallen. Die andere Hälfte formierte sich irritiert zu einer Linie. Inzwischen hatten die Männer wieder geladen und schickten eine zweite Salve zu den Rebellen herüber. Was schließlich noch nicht zu Boden gesunken war, ergriff die Flucht.
Corporal Brachmann stürmte nach vorne, hob die Battleflag der Konföderierten auf und brachte sie in die Unionslinie. Jubelnd wurde er dort empfangen.

Der Sergeant war sich immer noch nicht sicher darüber, was noch vor wenigen Minuten geschehen war. Er hielt es schlichtweg für unmöglich. Eine Rebelleneinheit, die ohne Deckung geradewegs vor ihre Gewehrläufe gelaufen war. Das war wie Tontaubenschießen. Das konnte nicht sein. Doch als Beweis für die tat hatten sie die Battleflag der Rebellen.

Ein Melder der Unionshauptstreitmacht brachte die Order, dass sie sich der Artilleriestellung oberhalb der Wiese auf der rechten Flanke nähern sollten. Durch die Bedrohung der Artilleriestellung sollten Einheiten der Rebellen von der Unionsstreitmacht abgezogen und gebunden werden.

In Schützenlinie stießen sie zu ihrer rechten Flanke vor. Entlang des Waldrandes arbeiteten sie sich unbedrängt bis auf die Höhe der Geschützstellung vor. Hier hielten sie an und nahmen die Artilleristen unter Feuer. Rebelleninfanterie marschierte zum Schutz der Stellung auf. Inzwischen hatten die anderen Unionstruppen die Reste der Rebellen an der linken Flanke überwunden und griffen über die Wiese hangaufwärts die Geschützstellung an. Die letzte Einheit der Rebellen stürmte ihnen in einem finalen, verzweifelten Angriff entgegen. Nach einem kurzen Gefecht war klar, das keiner der Rebellen wieder zu seiner Armee zurückkehren würde.

Abend

Sie bezogen eine neue Stellung in vorgelagerter Position und verstärkten diese mit Gehölz. Als Anlehnung an ihren noch nicht eingetroffenen Offizier nannten sie den Posten Fort Hecker. Die ließ Platz für kleine Wortspiele im Deutschen wie, „Hecker fort!“, oder etwas despektierlicher „fort – Hecker!“.
Als sie die Stellung ausgebaut hatten, erreichte sie der Befehl, sich mit der kompletten Kompanie in das Hauptlager zu begeben hatten. Sie rückten erschöpft vom Schanzen wieder ab. Es hatte erneut angefangen zu regnen und von der guten Stimmung der Männer vom Morgen war nichts mehr übrig geblieben.

Der Major hatte zur Offiziersbesprechung geladen, an der auch der Sergeant teilnehmen sollte. Er stand etwas abseits vom Tisch, auf dem bereits die Karten des Geländes ausgebreitet lagen. Man resümierte über die geschlagene Schlacht und wie toll man sich geschlagen hatte. Einige wenige wurden nicht müde darüber zu erzählen, wann sie welchen Befehl erteilt hatten, der letztlich zum Sieg geführt hatte. Der Sergeant war einfach müde. Er murmelte vor sich hin, dass wenn man die Offiziere alle wegsperren würde, der Krieg wohl schneller zu Ende wäre. Von der Seite lächelnd nickte ihm der Leutnant der Sanitätstruppe zustimmend zu.
Pläne für den kommenden Tag wurden geschmiedet. Der Sergeant nahm die Informationen auf. Sein Rang verbot ihm jedoch das Mitsprache- und Entscheidungsrecht.
Die Rebellen sollten noch weiter zurückgedrängt werden. Gleich morgen nach der Parade.

Es war dunkel geworden als der Sergeant wieder bei seiner Einheit eintraf. Ein kalter Wind fegte über das Land und brachte den Regen mit sich. Die Fragen seiner Kameraden nach den Ergebnissen der Besprechung beantwortete er nur knapp. Für ihn gab es ohnehin keine Ergebnisse. Allgemeines Gerede, keine Belobigungen, keine Beförderungen, keine Orden, jedenfalls nicht für ihre Einheit.
Und dann doch noch etwas Gutes. Sie mussten in dieser Nacht nicht mehr zum Vorposten raus. Nach der Schlacht wurde das Risiko eines Angriffs der Rebellen als äußerst gering eingeschätzt. Die Patroullien, die aufgezogen worden waren, wurden als ausreichend betrachtet. So bezogen sie Stellung in einer alten Scheune, deren eine Seite weggebrochen war. Die Hühner, die einst hier gehaust haben mussten, waren schon lange in den Mägen hungriger Soldaten verschwunden. Wie durch ein großes Loch hindurch, stiegen sie in die Scheune hinein. Der Wind pfiff draußen weiter. Der Boden war steinhart getreten und fühlte sich eiskalt an. Aber immerhin würden sie es hier trocken haben. Einige Kerzen wurden entzündet und die Männer richteten sich ein. Bald war nur noch ein einziges Schnarchen zu hören.
Der Sergeant fror. Immer wieder durchzog seinen Körper ein Zittern. Später in der Nacht gelang es ihm sich mit den Decken so einzuwickeln, dass es von unten nicht mehr so kalt zog. Oben konnte er sich genügend zudecken, um den Wind abzuhalten. Langsam wurde ihm wärmer. Er veränderte seine Position in dieser Nacht nicht mehr, damit die Wärme bei ihm bleiben konnte. Langsam glitt er in einen tiefen Schlaf hinüber.
Der Morgen dämmerte schon, als er die ersten Geräusche wahrnahm. Private Meissner, der Unschlafbare, war aufgestanden und begann ein Feuer zu machen. Der Sergeant stand ebenfalls auf. Die Glieder waren ihm noch ganz steif von dem harten Boden. Er beteiligte sich am Holen von Feuerholz, und bald kochte der erste Kaffee des Tages in einem kleinen Boiler. Nach und nach füllten sich die Plätze rund um das Feuer.
In der Nacht hatten sie Besuch von einem Fuchs bekommen. Wahrscheinlich aus alter Gewohnheit war er auf der Suche nach Beute in die Scheune gelaufen. Hühner fand er nicht. Dafür aber den haversack des Private Draudt. Verteilte den Inhalt auf den Boden und versuchte einen weiteren haversack aus der Scheune zu schleifen. Dabei hatte er offensichtlich etwas schepperndes umgeworfen, was ihn so erschreckte, dass er sich ohne Beute zurückgezogen hatte.

Um sechs Uhr wurde der letzte Schläfer unsanft mit einem Trompetensignal geweckt.
Es war Zeit sich zu sammeln und zu dem Aufmarschplatz zu marschieren. Dort bereiteten sie sich aus Frühkartoffeln und Speck eine Mahlzeit zu. Bald darauf sammelten sich die anderen Unionseinheiten zur Marschkolonne. Die Männer luden ihre schweren Tornister oder blancket rolls auf die Schultern, schlossen sich den Truppen an, und die Kolonne setzte sich in Bewegung. Der Drummer der Kompanie lief vorneweg. Er gab den Takt an.
Der zweite Tag

Später trafen Meldungen ein, dass man den Feind gesichtet hätte. Auf der anderen Seite einer Wiese hatte er Stellung bezogen. Als sie die Wiese erreichten, konnte man vereinzelt Kavalleristen und eine Artilleriestellung ausmachen.
Der Sergeant ließ seine Männer die Tornister ablegen. Die Sanitätseinheit begann sofort wieder an dieser Stelle das Feldlazarett aufzubauen. Diese Vorbereitungen konnten einem Soldaten einen kalten Schauer über den Rücken jagen, sobald er darüber nachzudenken begann, was sich in wenigen Augenblicken dort für Szenen abspielen würden. Der Sergeant dachte nicht darüber nach.

Der Major ließ nun die Kompanie des Sergeanten in Schützenlinie aufmarschieren und schickte sie vor um die gegnerische Stärke zu testen.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da gerieten sie schon unter Beschuss. Die ersten Männer fielen. Die Rebellen hatten nicht die Absicht gehabt, ihre Stärke zu verbergen.
Immer wieder stieß die Kavallerie wie ein Schwarm Moskitos aus dem Wald hervor und stürmte auf die Schützenlinie zu. Immer wieder bildeten die Männer Karrees aus vier Männern zur Abwehr. Dann machten die Kavalleristen kehrt und zogen sich wieder zurück. Die Verzögerungstaktik ging auf. Die Schützenlinie konnte nicht weit vorstoßen und wurde ständig von zwei Richtungen aus beschossen. Schließlich begann die konföderierte Artillerie zu feuern. Jetzt kam der Beschuss auch noch von oben. Der Sergeant konnte sehen, wie weitere Männer aus der Schützenlinie getroffen wurden.
Der Sergeant sah sich um. Weiter konnten sie nicht mehr vorrücken, ohne vollständig aufgerieben zu werden. Der Major gab ihm ein Zeichen, dass er sich zur rechten Flanke zurückziehen sollte.

In dem Rücken der Schützenlinie hatte der Major alle anderen Kompanien in Schlachtformation hintereinander aufgereiht. Nun ließ er die Wellen vormarschieren. Über das offene Feld schwemmten sie auf die Rebelleneinheiten auf der anderen Seite zu.
Die Hölle war losgebrochen und der Major sein Toröffner. Ungerührt sah er zu, wie Welle nach Welle niedergeschossen wurde. At all costs, war gehörig gefräßig heute morgen.

Der Sergeant erhielt den Befehl sich mit seiner Kompanie einzureihen. Noch immer hatte die Hölle nicht genug Männer aufgenommen. Das Feld füllte sich mit auf dem Boden liegenden Leibern in Blau. Weiter, noch weiter. Schreie. Ohrenbetäubender Donner. Anfeuerungsrufe der Befehlshabenden. Wutverzerrte Gesichter. Pulverdampf, der nachdem er sich verzogen hatte, die nächste Welle ankündigte. Jede weitere Welle schwappte über die vorhergegangene.
Die Artillerie der Rebellen feuerte schnell. Erbarmungslos wurden die Projektile in die Reihen der Blauen geschleudert. Leicht geduckt marschierte die Einheit des Sergeanten hinter der vorhergehenden Kompanie. Bald würden sie endlich dieses Feld überwunden haben.
Der Sergeant warf einen kurzen Blick zum Himmel. In dem Moment, als er den Blick wieder nach vorne richtete, brach die Welle vor ihnen zusammen. Lücken wurden gerissen. Was nicht zu Boden ging, rannte zurück. Der Sergeant konnte erkennen, dass sie schon sehr dicht an die Rebellenartillerie herangerückt waren. Er ließ seine Linie halten und befahl eine Kompaniesalve. Dann schaute er an seiner Kampflinie entlang. Er wollte in den Augen der Männer Entschlossenheit erkennen. Sie gaben ihm das zurück, was er wollte. Sie waren bereit. Mit inbrünstiger Stimme warf er ihnen das Wort entgegen, das die ganze Wut eines Soldaten zu entfesseln vermag, der Vernichtung ihren Lauf lässt:
„Chaaaaaarge!“.
In das Kampfgetöse mischten sich nun die Stimmen der Männer. Schreiend stürmten sie auf die Geschützstellung der Rebellen zu. Aus der Flanke fielen Schüsse. Drei Männer stürzten. Die Rebellen protzten die Kanone auf und flüchteten. Der Sergeant sah, dass sie das Geschütz nicht mehr nehmen würden, dazu liefen sie zu langsam. Viel zu gut eingespielt war dessen Mannschaft. Viel zu schnell konnten die Rebellen entkommen. Fast mit Bewunderung sah er zu, wie vor ihrer Nase das Geschütz außer Reichweite gezogen wurde.
Aber sie konnten wenigstens die Kreuzung nehmen. Schwer atmend, in Schweiß gebadet. Das Geschütz würde nicht so schnell wieder feuern können.

Ehe er nach seinen Männern schauen konnte, sah der Sergeant durch den Wald graue Uniformen schimmern. Eine Linie der Rebellen bewegte sich auf der Strasse zur Kreuzung auf sie zu. Die Strasse machte einen kleinen Bogen zur Kreuzung hin, so dass die Rebellen erst in wenigen Augenblicken vollständig in ihren Sichtbereich kommen würden. Der Sergeant sah sich um. Nicht genügend Männer um die Stellung zu halten, befand er. Es blieb keine Zeit sich Gedanken zu machen, ob noch weitere Unionseinheiten zur Kreuzung stoßen würden. Jetzt musste er entscheiden.
„Laden, Laden“, rief er den Männern zu.
Sie knieten sich hin. Schon schwenkte die Kampflinie der Rebellen auf dem Straßenbogen auf ihre Stellung ein. Der Sergeant befahl in schneller Folge:
„Ready, Aim, Fire!“
Der Schock traf die Linie der Rebellen unerwartet. Ehe sie sich sammeln konnten, befahl der Sergeant :
„Fall back, fall back!“
Sie machten kehrt und rannten über das Gras den Unionseinheiten zu, die sich auf dem Feld wieder neu formierten. Ein verängstigter Corporal seiner Einheit rief den Unionslinien zu, dass die Rebellen ihnen zwanzigfach überlegen seinen und sie alle sterben würden. Ehe der Sergeant den Corporal zurechtweisen konnte, spürte er einen Stich in der Seite. Seine Beine versagten seinem Willen, und etwas zog ihn zu Boden. Er fiel auf den Rücken.

Die Sonne leuchtete in einem wunderschönen blauen Himmel. Kurz atmend hob er den Kopf. Er öffnete seine Uniformjacke über dem Bauch um nachzusehen, wo es ihn getroffen hatte. Blut quoll an der Seite hervor. Er atmete aus und ließ den Kopf wieder zurückfallen. Nur ein Streifschuss. Er würde noch nicht sterben. Er wollte sich aber auch nicht wieder aufrichten.
Er hörte seinen Atem und spürte, wie die Anspannung der letzten Augenblicke langsam von ihm abließ.
Himmel ….. Atem ….. Insekten.
Letztere rieb er sich aus einfach aus dem Gesicht. Ignorieren. Inzwischen war sein Atem ganz ruhig geworden. Der Schmerz an der Seite hatte einen gleichbleibenden Ton eingenommen. Er lag gut da, wo er war und spürte, wie sich seine Stimmung merkwürdiger Weise verbesserte. Das überschwängliche Glücksgefühl des Noch-einmal-davongekommen-seins ergriff langsam seinen Körper.
Bevor er jedoch zu lächeln begann, stand Leutnant Delgado neben ihm.
„Geht es, Sergeant?“
„Ja, Sir. Haben sie etwas Wasser!“
Der Leutnant gab ihm zu trinken.
„Sammeln sie ihre Männer. Wir lassen sie erst einmal ausruhen und was essen. Danach geht es weiter.“
Der Sergeant nickte. Leutnant Delgado half ihm auf die Beine. Die Union hatte das Feld behauptet. Die Rebellen hatten sich nach einem kurzen und heftigen Schusswechsel wieder zurückgezogen.

In einer Hand das Gewehr und mit der anderen die Uniformjacke von seiner Seite weg haltend, zog er sich zum Feldlazarett zurück. Die Blutung schien nachgelassen zu haben. Kein Futter mehr für At all costs.

Beim Feldlazarett traf er wieder auf die Männer seiner Kompanie. Sie hatten sich nach der Schlacht zu ihren Tornistern zurückgezogen. Viele der Männer waren verwundet. Er ließ seinen Blick über die Gestalten schweifen. Er erkannte viele Gesichter.
Private Kayser hatte es am Arm erwischt. Private Hecker hatte eine Beinverletzung. Ein Holzkolben hatte ihn am Knie erwischt und eine ältere Verletzung wieder aufbrechen lassen. Einige andere hatten leichtere Wunden und Prellungen oder hatten sich einfach nur in den Schatten fallen lassen.
Mit angezogenen Knien, leicht vor sich hin wippend und mit entrücktem Blick, saß Corporal Kaiser auf dem Boden. Neben ihm, ausgestreckt auf dem Boden, sein Sohn Lukas, dem das Bein hatte amputiert werden müssen. Er hatte es nicht geschafft.

Der Sergeant wendete sich ab. Im Feldlazarett versorgte man sein Wunde zu.
Den Metzgern wieder entkommen, begab er sich zu seinen Leuten in den Schatten. In seinem haversack fand er noch einige Hartkekse, die er zerkaute. Seine Wasserflasche war nun fast leer. Nachschub gab es hier jedoch nicht.
Ein angenehmer Wind ließ schnell die schweißnassen Sachen trocknen.

Ehe sie richtig zur Ruhe kommen konnten, kam ein Melder zu ihnen gelaufen. Die anderen Unionseinheiten würden bereits abrücken. Sie sollten sofort nachstoßen.
Der Hohlweg

Der Major setzte den konföderierten Truppen weiter nach. Ihr Weg folgte der Rückzugsroute der Rebellen, entlang eines kleinen Hohlweges, der sich fast endlos hinzuziehen schien. Die Rebellen stellten sich den Unionseinheiten immer wieder entgegen. Der Major ließ Welle hinter Welle gegen sie anrollen und drängte sie weiter zurück. At all costs war immer noch hungrig nach mehr.
Die Unionslinien wurden nacheinander zusammengeschossen. Wer sich nach ein oder zwei Salven noch auf den Beinen halten konnte, wurde wieder gesammelt und hinter der Kolonne angeschlossen. Dann wiederholte sich dieses blutige und verlustreiche Spektakel.
Durch dieses roulierende Angriffssystem würde die Kompanie des Sergeanten bald wieder den Rebelleneinheiten gegenüberstehen.
Als die Linie vor ihnen nach einem Kugelhagel der Rebellen auseinanderbrach, mussten sie die nächste Angriffswelle vorantreiben. Sie gaben eine Kompaniesalve in die Richtung der Rebellen ab. Aber sie hatten wohl zu hoch gezielt, denn keiner der Rebellen schien getroffen worden zu sein. Dennoch rückten sie weiter vor. Die Antwort der Rebellen ließ nicht lange auf sich warten. Männer aus ihren Reihen fielen zu Boden. Einige von ihnen tödlich getroffen. Der Rest der Einheit warf sich an der Seite des Hohlweges auf den Boden, oder suchte sonst Deckung zu finden.
Die nachfolgende Kompanie schritt wie eine Maschine über die am Boden liegenden Fleischhaufen hinweg und rückte weiter vor.

Den Rebellen musste es so vorkommen, als ob die Masse der blauen Soldaten kein Ende zu nehmen schien. Egal wie viele Männer sie auch aus ihren Reihen schossen, es brandeten immer weitere Unionswellen gegen ihre Stellungen an.

Der Major beorderte ein Feldgeschütz nach vorne. Eine sich hartnäckig verteidigende Rebelleneinheit sollte endgültig gebrochen werden.
Der Sergeant ließ die gefallenen Kameraden von dem Hohlweg herunterziehen, damit sie nicht von den Rädern des Geschützes überrollt würden. Sie wurden in einer Reihe nebeneinander am Rand des Hohlweges niedergelegt. Jemand deckte ihre Gesichter ab. Kein Gebet begleitete diese Männer auf ihrer letzten Reise. Der Sergeant verharrte kurz und warf einen flüchtigen Blick auf die Körper der Männer, mit denen er so weit gegangen war, dann sammelte er erneut seine Truppe. Sie schlossen sich, wie es ihnen befohlen worden war, am Ende der Kolonne wieder an. Seine Truppe konnte nun in Linie den Hohlweg entlang vorrücken, ohne sich zusammendrängen zu müssen.

Eine Brücke kam vor ihnen in Sicht. Zwei Geschütze der Rebellen und ein größeres Kontingent Infanterie deckten den schmalen Weg über einen Bach. Der Major erhob seine Stimme und trieb seine Soldaten weiter an:
„Ich will diese Brücke haben, Männer!“
Inzwischen war es kaum mehr möglich, den Fuß auf eine freie Stelle des Bodens abzusetzen. At all costs fraß sich richtig satt.
„Das ist echt übel, Mann.“ raunte ein Soldat, der neben dem Hohlweg auf dem Boden saß. Er wischte sich mit der einen Hand den Schweiß aus der Stirn. Mit der anderen Hand hielt er seinen Hut, dessen Rand über die Gräserspitzen zu streichen schien. Sein Gesicht war so ausgemergelt, dass es dem Antlitz eines Totenschädels gleichsah.

Wieder hatte sie das roulierende System hinter die erste Unionslinie gebracht. Die Rebellen feuerten und in der Linie vor ihnen klafften große Lücken. Doch diese Männer wollten Ehre. Sie entschieden sich für den Frontalangriff und stürmten schreiend über die Brücke. Auf der anderen Seite trafen sie mit den Rebellen aufeinander. Ein kurzes Handgemenge entstand. Der Sergeant stürmte mit seinen Männern hinterher und gab der kämpfenden Unionseinheit Deckung. Die Rebellen gaben auf. Alles was nicht fliehen konnte, wurde gefangen genommen, oder niedergemacht. Vereinzelt fielen noch Schüsse. Der Sergeant beorderte ein File auf jede Seite der Brücke zur Deckung der Flanken und sicherte mit dem Rest der Männer die Front.

Die Brücke war genommen und gesichert. At all costs wischte sich mit dem Ärmel den blutverschmierten Mund ab. Nachrückende Unionstruppen besetzten das Gelände.

Der Kommandeur der Rebellen erschien vor der Brücke und bat unter weißer Flagge um ein Gespräch mit dem Major, welches ihm gewährt wurde. Der Sergeant vermochte dem Gespräch nicht zu folgen. Ein Nebel in seinem Kopf verwarf alle Worte. Nur noch der Befehl, dass die Unionstruppen erst einmal Rast machen sollten, erreichte sein Verständnis und löste die entsprechende Handlung aus.


Alles ruhig am Bach

Die Männer machten es sich etwas abseits des Brückenkopfes bequem. Feuer wurde gemacht und sie kochten sich etwas zu essen, oder ruhten sich einfach aus. Feldflaschen wurden wieder gefüllt. Einige der Männer kühlten ihre Füße in dem Bach. Das führte zu einem heiteren Wortgefecht mit den anderen, oberhalb des Baches gelegenen Unionseinheiten, die angaben, sich in den Fluss entleeren zu wollen. Der Sergeant döste vor sich hin. Er wollte nichts essen.
Corporal Kayser wusch sein Hemd aus. Das Blut seines Sohnes, den er bei seiner Verwundung im Arm gehalten hatte, floss ruhig mit den kleinen Wellen des Baches davon.

Wenig später erschien Leutnant Delgado mit der Feldpost. Der Sergeant verteilte die Briefe. In seiner Einheit gab es die Regel, dass alle ihre Briefe vor den anderen vortragen oder, sofern sie des Lesens nicht ganz mächtig waren, vortragen lassen mussten. Jeder Brief an einen Einzelnen war ein Brief für alle. Auf diese Weise erhielt jeder der Männer gleich mehrfach Post.
Auch der Sergeant hatte einen Brief erhalten. Er war von einer Dame zweifelhaften Ranges, deren Etablissement er in Washington gut kannte. Er hatte dort, aufgrund seines übereilten Aufbruches, dessen nähere Umstände nicht näher umschrieben werden sollen, seine Rechnung nicht begleichen können. Die Rechnung beinhaltete die Auflistung mehrere Dienste körperlicher Natur, deren Genuss äußerste Entspannung findet. Bei seinem nächsten Besuch in Washington würde die Angelegenheit aus der Welt schaffen und der kleinen Hellen erneut seine Aufwartung machen. Aber wer weiß schon, wohin das Schicksal einen führt.

Private Meissner hatte versucht einen Fisch zu angeln. Da seine Angel jedoch als Haken ein Bajonett vorwies, wunderte es den Sergeanten nicht, dass er nichts gefangen hatte.

Schließlich erfolgte der Befehl zum Aufbruch. At all costs wollte noch einen Nachschlag.


Das letzte Gefecht

Die Union war wieder auf dem Vormarsch. Der Weg wurde breiter und verengte sich schließlich wieder, als er auf eine Wiese führte. Ein hügeliges Waldstück zur Linken verhinderte die Sicht auf das ganze Gelände. Rechts von ihnen zog sich ein kleiner Wald am Weg entlang. Vor ihnen lag nur teilweise offenes Gelände. Einzelne Gebüsche und kleine Tannen konnten ein gutes Versteck für die Schützen der Rebellen bieten.
Grillen zirpten und ein leichter Wind ließ das Gras leicht hin und her schwingen. Der Major traute der Ruhe nicht, die über dieser Wiese lag. Er schickte die Kompanie des Sergeants in Schützenlinie vor. Der Weg war jedoch so eng, dass der Sergeant zunächst nur ein File vorschicken konnte. Die Rebellen nahmen das Angebot an und fingen an, das Feuer zu eröffnen. Eine ganze Schützenlinie der Rebellen, nur schwer auszumachen, war hinter den Büschen und den kleinen Tannen in Deckung gegangen.
Der Major trat neben den Sergeant.
„Drängt sie zurück, ich will meine Kanone auf diesem Feld haben!“
Der Sergeant sah mit einem fragenden Blick zu ihm herüber.
„Sir?“
Der Major musste doch erkennen, dass die Schützenlinie der Rebellen mehr Männer in Stellung gebracht hatte, als ihm selbst noch zur Verfügung standen.
„Drängt sie zurück!“
Der Major unterstrich seinen Befehl mit einer entsprechenden Geste.

Jedes weitere Wort war unnötig. Der Major wollte seine Kanone auf der Wiese haben. Der Sergeant stieß mit den restlichen Männern vor. Bevor sie auf der Wiese in Stellung gegangen waren, berichtete ihm ein Melder, dass auf der linken Flanke eine gut getarnte Kanone der Rebellen stand. Gegenüber, auf der anderen Seite der Wiese, stand ein weiteres Geschütz. Der Sergeant schickte den Melder mit dieser Nachricht zum Major weiter. Nur kurz schüttelte er den Kopf, dann schickte er die Männer auf das Feld heraus. Er wusste, was sie dort erwartete.
Schnell entwickelten sie ihre linke Flanke und gingen im Double Quick vor. Die Rebellen feuerten auf sie und zogen sich dann allzu schnell zurück. Das ihnen der Erfolg so leicht zuviel, verwunderte den Sergeant. Offensichtlich glaubten die Rebellen daran, dass der gelegte Hinterhalt mit der getarnten Kanone noch nicht entdeckt worden war. Sie zogen sich wohl deshalb ohne große Gegenwehr zurück, damit sie die Unionseinheiten in ein Kreuzfeuer locken konnten.
Die ungedeckte linke Flanke der Schützenlinie hatte beim Vorrücken die meisten Verluste hinnehmen müssen. Drei Mann waren gefallen. Die anderen suchten hinter einem kleinen Hügel Deckung. Der Rest der Männer legte sich zu Boden oder kniete ab. Sie hatten die Rebellen soweit zurückgedrängt, dass der Major seine Artillerie auf dem Feld in Stellung bringen konnte. Weiteres Vorrücken hätte noch weitere Verluste bedeutet. Wenn der Major ihn also weiter nach vorne haben wollte, so würde er ihm das sicherlich zu verstehen geben. Der Sergeant hielt es für das Vernünftigste, zu bleiben, wo er war. Er schaute sich um.
Das Unionsgeschütz wurde in Stellung gebracht und die restlichen Infanterieeinheiten wurden in Linie daneben postiert.
Rebellenkavallerie bedrohte kurz die rechte Flanke der Schützenlinie. Aber sie schwenkten wieder ab, ehe sie die Einheit erreichten.

Nach endlosen Minuten des Wartens, ließ der Major seine Unionslinie etwas weiter auf dem Feld vorrücken, während die Artillerieeinheiten sich nun gegenseitig quer über das Feld zu beharken begannen. Schließlich befahl der Major der Schützenlinie sich geschlossen auf der rechten Flanke an die Unionslinie anzuschließen. Die Schützenlinie wurde aufgelöst und sie schlossen sich der Unionslinie an. Sie knieten ab.

Nun begann das getarnte Geschütz der Rebellen in rascher Folge auf die Unionslinie zu feuern. Einem glücklichen Zustand in der Bodenbeschaffenheit war es zu verdanken, dass sich das Geschütz nicht so weit herumschwenken ließ, das es die Unionstruppen vollständig von der linken Flanke unter Feuer nehmen konnte. Ein Volltreffer durch einen solid shot hätte die Männer der Unionslinie wie Kegel auseinanderfallen lassen.
Die Rebelleneinheit war gezwungen, es mit shrapnells zu versuchen. Die Splitter der Granaten, die über ihnen explodierten, prasselten auf die Erde und schlugen in die Reihen der knienden Soldaten ein.
Corporal Wolff traf es als einen der ersten. Er fiel nach vorne über und rührte sich nicht mehr. Weitere Männer fielen mit jedem weiteren Geschoss aus der Linie. Der Sergeant musste zusehen, wie seine Einheit immer weiter zusammenschmolz, während sie nur dasaßen und nichts taten. Die Rebellenartillerie hatte sich jetzt auf sie eingeschossen. Er schaute sich zum Major um.
Bald würden keine Männer mehr da sein, die noch einen weiteren Angriff durchführen konnten. At all costs hätte den Teller leergegessen.

Der Major verwendete sie als Kanonenfutter. Er wartete.
Schließlich brach eine zweite Unionseinheit durch das Wäldchen zur Linken, die der Major dorthin beordert hatte, um der getarnten Geschützstellung in die Flanke zu fallen. Ein kurzes Gefecht, dann verstummte das Geschütz endgültig.
Die Verwundeten wurden zum Feldlazarett gebracht, das hinter ihnen Stellung bezogen hatte. Die Sanitäter würden an diesem Tag keine Ruhe mehr finden.

Der Major ließ seine Linien wieder über das offene Feld anrollen. Sie machten sich bereit. Der Sergeant blickte die Linie entlang. Dann rief er mit lauter Stimme:
„Männer, sterbt nicht für euer Vaterland!“
Pause.
„Macht dass die anderen für ihres sterben!“
Dies war wenigstens mal ein klar definiertes Ziel.
Mit unveränderter Taktik setzte der Major seinen Pyrrhussieg weiter fort. Kompanie nach Kompanie schickte er vor.

Die Einheit des Sergeants übernahm die Führung des Angriffs. Nur noch wenige Männer waren ihm geblieben. Schulter an Schulter gedrängt marschierten sie auf die Rebellenstellung mit dem zweiten Geschütz zu.
Corporal Brachmann stimmte im Rhythmus der Schritte die Losung an.
„Freiheit!... Freiheit!... Freiheit!..“
Noch hielten die Rebellen ihr Feuer zurück.
„Freiheit!... Freiheit!“
Pulverdampf brach aus dem Rebellengeschütz aus.
„Freiheit!“
Dann kamen die Geschosse auf sie zugeflogen.

Der Sergeant spürte einen Stich in der Seite und fiel zu Boden. Er konnte nichts mehr hören. Mühsam drehte er sich auf den Rücken. Die Sekunden wurden zu Minuten. Alles drehte sich.
Er schaute auf zur Sonne, die heiß und unerbittlich auf ihn herab brannte. In diesem Moment erinnerte er sich der aufgedunsenen, von der Sonne schwarz gefärbten Leiber, die er schon so häufig auf den Schlachtfeldern hatte liegen sehen. Nein, er wollte so nicht auf irgendeinem Foto enden. Nur noch einen Moment ausruhen, dann wollte er versuchten sich aufzurichten.

Wie aus dem Nichts erschien eine Reihe Beine neben ihm, und blieb stehen. Er blickte an den Gestalten hoch und blinzelte gegen die Sonne. Namenlose Gesichter, nicht mehr als Schatten. Sie hoben ihre Gewehre und im nächsten Moment erbebte der Boden, auf dem er lag. Pulverdampf verdunkelte die Sonne. Er atmete Schwefel und schluckte Schwarzpulverreste. Er spuckte nur kurz zur Seite aus, als ob es ihm nichts bedeuten würde. Dann nahm er wahr, wie die Beine über ihn hinweg schritten und genauso schnell wieder verschwunden waren, wie sie aufgetaucht waren.
Das Kampfgetümmel schien sich langsam von ihm zu entfernen. Es wurde leiser. Weit entfernte Rufe waren nicht mehr für ihn bestimmt. Gewehrsalven und Kanonenschüsse erreichten ihn hier nicht mehr.

Endlich schaffte es der Sergeant, sich aufzurichten. Nein, er war nicht erneut verwundet worden. Nur seine alte Wunde an der Seite war wieder aufgebrochen. Ein Schwall Blut lief über seine Jacke, färbte das dunkle Blau, auf das er einst so stolz gewesen war, mit roter Farbe.
Unter Schmerzen gelang es ihm sich auf die Seite zu wälzen und mit Hilfe seiner Waffe hochzuziehen. Sein ganzes Gewicht sackte wieder in die Beine und schien ihm einen festen Stand zu geben.
Er blickte sich um. Nur noch drei Männer seiner Einheit waren übrig geblieben. Private Köstel, aus seiner Mess, schien unverletzt zu sein. Corporal Brachmanns Freiheit war verstummt und war einem leichten Stöhnen gewichen. Private Draudt, wie immer schweigsam, schaute über das Schlachtfeld. Ihn schien das, was er dort zu sehen bekam, nicht besonders zu beeindrucken. In ihren erschöpften Gesichtern konnte der Sergeant lesen, dass sie ihre Pflicht als erledigt ansahen.
„Auf Männer, wir gehen zurück.“
Mit schweren Schritten bewegten sie sich auf das improvisierte Feldlazarett zu, dass einige hundert Meter hinter ihnen lag. Eine große grüne Fahne mit einer Harfe als Wappen, flatterte traurig im Wind. Mehrere Soldaten lagen am Wegesrand und wurden von den Sanitätern versorgt.

Die Hälfte der Strecke hatten sie gerade zurückgelegt, als eine Einheit Rebellenkavallerie aus dem Waldstück heranpreschte und auf das Feldlazarett zustürmte. Einige verwundete Soldaten erhoben zum Zeichen der Kapitulation ihre Hände.
Doch das eigentliche Ziel der Rebellen befand sich hundert Meter weiter auf dem Feld. Dort stand immer noch die Kanone des Majors. Sie wurde während des letzten Gefechts zurückgelassen. Nur ein einzelner Kanonier war zur Bewachung abgestellt worden.
Die Kavallerieeinheit schwenke zur Flanke und galoppierte auf das Geschütz zu. Wie ein gefräßiges Tier, fielen die Kavalleristen über den bedauernswerten Kanonier her und machten ihn nieder.
„Laden. – Schnell!“
raunte der Sergeant seinen Männern zu, gefolgt von einem kurzen
„Vorwärts!“
Die drei Männer begriffen sofort und bewegten sich, durch einen kleinen Hügel vor Blicken geschützt, auf die Kavalleristen zu. Stolz auf ihre Tat und jubelnd bemerkten die Rebellen nicht, dass sich der Tod auf sie zu bewegte. Dieser hatte inzwischen jeden Schmerz und alle Müdigkeit vergessen. Mit den Augen und dem Instinkt war er auf seine Beute fixiert. At all costs leckte sich schon die Zähne.
Als nur noch wenige Meter zwischen den Rebellenreitern und den vier beherzten Männern lagen, befahl der Sergeant
„Ready, Aim, Fire!“
Zwei Reiter wurden augenblicklich aus dem Sattel gehoben und fielen getroffen zu Boden. Unter Feldgeschrei stürmte die Unionstruppe vor. Bajonette blitzen auf. Die Rebellen, noch vom unerwarteten Angriff aus der Flanke irritiert, versuchten sich zu sammeln.
Der alte Captain der Kavallerieeinheit ritt auf den Sergeant zu und versuchte gleichzeitig seinen Säbel zu ziehen. Doch er verhedderte sich mit seinen Zügeln und seiner Tresse. Noch bevor der Kavallerist seinen Säbel aus der Scheide zu ziehen vermochte, sprang der Sergeant vor und rammte dem alten Captain sein Bajonett, unter der kleinen rechten Rippe durch, in die Lunge. Blut spuckend sackte der alte Captain rittlings vom Pferd.
Wütend fielen die anderen Kavalleristen nun über den Sergeant her. Doch seine Kameraden hatten sich schon um ihn versammelt. Rücken an Rücken wehrten sie die hartnäckigen Säbelattacken der Rebellen ab. Schließlich mussten die Reiter von den Unionssoldaten ablassen und stoben davon. Keiner von Unionisten hatte auch nur einen weiteren Kratzer davongetragen.
Mit Stolz sah der Sergeant die Männer um sich an. Immer noch in Formation, die Bajonette zur Abwehr erhoben, standen sie in der vorgeschriebenen Haltung da.
Sehr gut gedrillte Männer, dachte er sich.

Die Unionstruppe hatte nicht nur ein Geschütz aus den Händen der Rebellen zurückerobert, sondern gleichzeitig das Leben der verwundeten Soldaten im Lazarett geschützt. Vermutlich wären sie das nächste Ziel der Kavalleristen gewesen.
Eben hatten sie sich noch geschlagen aus dem Feld zurückgezogen, und im nächsten Moment durften sie Heldentum erlangen.

Langsam krochen Müdigkeit und Schmerz wieder in ihre Glieder. Zur Unwichtigkeit degradiert, wendeten sich die Getreuen von der Kanone ab und lenkten ihre Schritte wieder zum Feldlazarett.

Aufrecht und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen empfing sie der großgewachsene und etwas beleibte Leutnant der Sanitätstruppe bei seiner Fahne. Leicht auf den Hacken wippend sagte er zum Sergeant:
„Oh, wir hätten uns ganz gut selbst zu verteidigen gewusst. Ich habe hier noch zwölf schlagende Argumente in der Tasche.”
Dabei tätschelte er mit der Hand auf seinen Pistolenholster.
Heldenstatus kann eben nur erlangt werden, wenn Offiziere die Tat sehen und sie auch richtig beurteilen können, dachte sich der Sergeant.

Er schritt an dem Weg vorbei zu der Stelle, an der die Männer seiner Einheit in der prallen Sonne aufgebahrt lagen. Private Rudel lag leblos, mit abgeknickten Kopf am Wegesrand. Jemand hatte ihm sein Kepi auf das Gesicht gelegt und seine Hände gefaltet. Mühsam erhob sich Corporal Wolff von seinem Lager und bestätigte ihm, dass der Mann gefallen sei. Im Geiste sah der Sergeant seine morgendliche Meldeliste vor sich. Mit einem imaginären Stift strich er einen weiteren Namen durch.
Sein Mund fühlte sich ausgetrocknet an.
„Sammeln, Männer.“
Er wollte fort von diesem Ort.
Wie im Delirium führte er die Reste seiner Truppe zu einem schattigen Platz. Dort ließ er sie wieder ausruhen. Wie viele noch vermisst waren, würde er später feststellen.

Inzwischen hatte die Union das Feld behauptet. Am anderen Ende des Feldes konnten sie die blauen Linien erkennen, wie sie still und unbeweglich dastanden. Die Kampfhandlungen waren eingestellt worden.

Später kamen einige Unionstruppen an ihnen vorbei.
„Marschieren Sie mit ihrer Einheit auch zurück, Sergeant?“
Der Major schien gut gelaunt zu sein. Ein Lachen lag auf seinem Gesicht. Stolz und mit sich im Reinen, da er die versteckte Artillerie entdeckt hatte und nicht in den Hinterhalt der Rebellen gelaufen war. Den, der es ihm gemeldet hatte, gab es nicht mehr.
Der Sergeant stand auf.
„Ihre Truppe hat die Ehre, die Kolonne anzuführen.“
Der Sergeant nickte dem Major zu.
„Danke, Sir.“
Er ließ die Männer antreten und marschierte mit ihnen an die Spitze der Kolonne. Immerhin würden sie heute nicht auch noch den Staub der anderen Einheiten schmecken müssen.

Der Tross setzte sich in Bewegung, zurück über die Wege, die am Vormittag noch hart umkämpft worden waren. Jetzt waren sie frei.


Fort Hecker

Sie hatten Fort Hecker bezogen. Eine kleine Stellung an einer Waldlichtung, die sie am Tag zuvor nach allen Seiten mit Gehölz verschanzt hatten. Als der Sergeant müde und mit langsamen Schritten von der Offiziersbesprechung im Fort eintraf, hatten die Männer schon angefangen, sich das Abendessen zuzurichten. Die Corporäle Wolff und Brachmann hatten die Wachen eingeteilt. Kleine Stechmücken setzten ihnen hier im Wald zu. Sie flogen ihnen in die Augen, Nasen und Ohren. Ganze Generationen von diesen kleinen Mistdingern wurden unter den Schlägen der Soldaten ausgelöscht. Aber noch weitaus mehr Generationen warteten noch auf ihren Einsatz. Fort Hecker sollte ihnen noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Er schlief schlecht in dieser Nacht. Das helle Gesumme der Mücken ließ ihn sich immer wieder unter der Decke verkriechen. Dann bekam er jedoch schlechter Luft. Die Nase zog sich zu. Er wälzte sich von einer Seite auf die nächste, nur um festzustellen, dass er vorher besser gelegen hatte. Schließlich stand der Sergeant auf. Er konnte genauso gut die Wachen kontrollieren gehen. Doch es war alles ruhig.

Am Lagerfeuer kam er ins Gespräch mit den Corporälen Brachmann und Wolff. Der Sergeant hob seinen Kopf und schaute zu einem dunklen Waldstück herüber. In dem Moment blitzte dort ein Mündungsfeuer auf. Eine Kugel pfiff mit diesem eigentümlich sirrenden Ton über ihr Köpfe hinweg. Sofort wurde Alarm gegeben.
Zunächst regte sich nichts. Die Männer waren im ersten Moment noch etwas schlaftrunken. Noch eine Kugel schwirrte über ihre Köpfe hinweg, dann noch eine. Ein Mann wurde getroffen. Der Sergeant befahl nun mit energischer Stimme das Antreten. Ein Mann nach dem anderen, schälte sich aus den Decken und erschien einsatzbereit vor ihm. Die Verteidigung wurde angewiesen. Nun fielen die Schüsse auf beiden Seiten.

Männer im Hauptlager der Union schreckten hoch und hörten in weiter Ferne die vereinzelten Schüsse beim Picket. Als kein allgemeiner Weckruf erklang, ließen sie sich wieder erleichtert auf ihr Lager zurücksinken.

Die Heckenschützen veränderten draußen im Feld und zwischen den Bäumen ihre Position. Immer wieder vielen Schüsse aus verschiedenen Richtungen. Angestrengt schaute der Sergeant in die Dunkelheit und das beginnende Morgengrauen, aber er konnte keinen Gegner ausmachen. Lediglich der Pulverdampf und das Mündungsfeuer verrieten kurz die Stellung der Schützen.
„Sie testen uns“, dachte der Sergeant.
Kurz lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Es kam im so vor, als ob da draußen etwas auf ihn lauern würde.
Doch es lauerte nichts auf sie. Es wurde wieder ruhig. Ein letzter Schuss, dann war es vorbei.
At all costs, hatte ihnen nur kurz und ohne wirkliche Lust zu verspüren, seine Aufmerksamkeit geschenkt

Die Verteidigung der Union ist intakt und aufmerksam. Diese gewünschte Information würde in dieser Nacht bis zum Generalstab der Rebellen geleitet werden. Dann würden dort Pläne geschmiedet und wieder verworfen werden.
Der Rebell, der in dieser Nacht sein Leben verlor, war wohl ein guter Preis für diese Information. Der Junge hatte seinen Kopf gerade in dem Moment über einen Stein gehoben, als eine blind geschossene Kugel diesen Weg gewählt hatte.

Im sicheren Gefühl, sich auf seine Kameraden verlassen zu können, legte der Sergeant sich wieder auf sein Lager. Er zog die Decke weit über seinen Kopf und begann langsam durch den Mund zu atmen.
Morgen würden sie wieder abgelöst werden.


Ende